Der spitze Stein

 

 

 

Der Blick aus dem Fenster macht gerade wenig Freude. Die Wolkendecke hält dicht und bemüht sich redlich, jede denkbare Schattierung von Grau wiederzugeben. Der Motivationslevel ist auf Kellerniveau, das zufriedene „endlich – Sommer!“-Lächeln wich wieder der unverhohlenen „Brrr-kalt!“-Grimasse. Herzerwärmend die Fotos, die auf diversen Kanälen eintrudeln und sagen – hier ist es schön und warm, die Sonne scheint, die Seele darf baumeln.

 

 

Und plötzlich erinnern wir uns an dieses Gefühl, als wir letzten Sommer zum ersten Mal das Bedürfnis hatten, die Schuhe abzustreifen und unsere Füße in den Sand zu stecken. Die Fußsohlen erinnern sich an die vielen kleinen Sandkörnchen, die sich zusammendrängten, um unserem Schritt Raum zu geben. Es ist dieses ganz andere Gehen, dieses bewusste die-Zehen-in-den-Sand bohren, das uns so unmittelbar die Erinnerung an die ersehnte Auszeit für Körper und Geist abrufen lässt.

 

 

Und wie so oft kommt es, fast vorhersehbar: der Moment des kurzen Zusammenzuckens, wenn sich ein spitzer Stein oder eine Muschelschale markant in den Fuß bohrt. Manchmal bleiben wir sogar stehen, betrachten den Verursacher, entfernen vielleicht die an der Sohle zermalmten Reste des Übeltäters – und gehen weiter. Die Erinnerung an die kurze, schmerzhafte Begegnung mit diesem Stein schmälert aber keineswegs die angenehmen Gefühle, die wir mit diesem Ausflug im Sand verbinden.

 

 

Der Weg durch den Alltag ist nicht immer weich und entspannt wie im Sandbett, die Momente des Durchschnaufens sind manchmal so begrenzt, dass wir sie doppelt genießen. Wer kennt nicht den sehnlichen Wunsch – „wenn es endlich etwas ruhiger wird“. Gemeinerweise macht es in solchen Momenten meist Plopp! - und die nächste Baustelle taucht auf. Diese Baustellen sind wie unsere Steine im Sand, sie sind da, wenn wir sie früh genug sehen, können wir meist gut ausweichen.

 

 

Allerdings tun wir im Alltag oft nicht das, was für unsere nicht-bewusst-kopfgesteuerten Füße ganz normal ist: drumherum laufen, darübersteigen, springen, ausgleichen, einfach das tun, was Füße in der Bewegung machen – und sich damit automatisch vor Verletzungen schützen.

 

 

Das Kopfkino läuft da in einer anderen Spur: Endlich bewegen sich die Dinge einmal in ruhigeren Bahnen, endlich ist die Zeit gekommen, sich einmal etwas zurückzulehnen und sich darüber zu freuen, dass etwas ohne große Anstrengung funktioniert. Und – Zack – da kommt jemand (meist ist es kein etwas) ins Blickfeld, der den Frieden stört. Die nächste Baustelle aufreißt, sinnlos Aufmerksamkeit und Energie abzieht.

Und wir nehmen die Herausforderung natürlich an, gehen sofort ins Doing und bewerten den Stressfaktor, den das Störelement auslöst gleichermaßen inbrünstig, wie den für uns erforderlichen Energieaufwand damit fertig zu werden. Und natürlich nehmen wir es persönlich, das geht doch nicht, das kann doch nur Absicht sein, jetzt, wo es endlich …

 

 

Uff, durchatmen. Vogelperspektive hilft. Wir sind keine Einsiedler in der Isolation, sondern Gruppenwesen. Und auch wenn wir Menschen uns in vielerlei Hinsicht in unseren Wünschen und Bedürfnissen ähneln, so ist es doch auch wie mit den Sandkörnern: würden wir Sandkörnern analytische Fähigkeiten zugestehen (ich weiß, sehr spekulativ), könnte das eine Sandkorn ganz links keine gesicherte Aussage über die Existenz und das Wesen des Sandkorns ganz rechts machen und umgekehrt, es sei denn, die beiden würden aufeinandertreffen.

 

So ist es bei uns auch.

Egal, wie wohl oder wie unwohl wir uns gerade fühlen, es kann immer jemand daherkommen, der keine Ahnung von unserer Existenz oder gerade weder Zugang noch Empfindung zu unserem Wohl- oder Unwohlsein hat. Stattdessen aber die Fähigkeit, uns mit seinem ausgerechnet-jetzt-Befinden und -Tun ganz furchtbar in den Weg zu grätschen. Autsch.

 

Und wir sehen es kommen! Ja was denn? Das lustige Spiel mit den Self Fulfilling Prophecies? Herbei-theatern von noch mehr Unwohlsein? Oder doch ein echtes Problem?

 

Aus der Entfernung sieht das ganz skurril aus: Da fürchtet sich jemand vor einem Effekt, den er noch gar nicht kennt und schickt ein „j‘ accuse!“ der persönlichen Betroffenheit in Richtung des Verursachers, obwohl der die andere Person noch gar nicht auf dem Plan hat, weil sie in seinem Plan und seiner Wahrnehmung gar (noch) nicht vorkommt?

 

 

Lernen wir doch von unseren Füßen. Sich mit Problemen zu beschäftigen, die in der Entfernung dräuen, verpulvert nur sinnlos Energie und hindert am Vorankommen. Das kopflastige was-wäre-wenn-Spielchen im Vorfeld führt nämlich vor allem zu einem Effekt: treffen wir endgültig auf den „Problem“-Verursacher, überschütten wir ihn und uns mit Lösungspotential (von dem wir nur annehmen können, dass es tatsächlich irgendetwas mit der Problematik zu tun hat) und vielleicht auch ein paar „warum tust du mir das an, das habe ich nicht verdient“- Vorwürfen und kommen gar nicht mehr dazu, zu fragen. Fragen – was denn tatsächlich los ist, ob das Problem wirklich ein Problem sein muss, warum der sein Problem nicht woanders abladen kann, oder vielleicht später usw.

 

 

Manchmal bringt kopflastiges Vorangehen einen nicht wirklich merkbar weiter. Vorbereitet sein ist gut. Einen Plan B in der Westentasche zu wissen auch, keine Frage. Aber sich vorab schon einen Kopf zu machen, was passiert, ohne zu wissen worum es geht, nur weil es sich nach einem bereits erlebten – unangenehmen – Schema anfühlt? Nicht doch, es gibt so wenig Zeit für die schönen Dinge im Alltag, da muss man sich das bisschen Zeit nicht auch noch vermiesen.

 

 

Und es beginnt bei den ganz kleinen Dingen: Die Telefonnummer am Display, die uns daran erinnert, dass es eine lebendige Form des Lästigitismus gibt – einfach mal trotzdem rangehen und sich vielleicht darüber freuen, dass jemand unerwartet etwas Nettes sagt. Wenn jemand einen Fehler macht, nicht gleichzeitig die Keule ziehen und die Opferlamm-Mine aufsetzen, sondern nachfragen. Vielleicht erfährt man dann, dass der Verursacher gerade selbst so viel Unangenehmes an der Backe hat, dass er gar keine Chance mehr hat, viel richtig zu machen. Oder es entsteht ein Zueinander. Und Kommunikation und Austausch und Gemeinsamkeit und … ja, das soll auch Spaß machen.

 

 

Das Schlimmste was passieren kann, ist der „ich habe es doch gewusst“- Effekt, weil es dann doch so kommt, wie vermutet. Der ist zwar nice to have für die streichelbedürftige innere Selbstwert-Miezekatze, aber in der Realität bringt das auch keinen Schritt weiter.

 

 

Was also tun? Das Leben ist kein langer ruhiger Fluss, das gibt es nur in folkloristisch angehauchten Filmen. Außerdem würden wir uns irgendwann unendlich langweilen und hätten null Möglichkeit an Aufgaben und Herausforderungen zu wachsen.

 

 

 Darum hilft es, für sich eine Entscheidung zu treffen, wie man es derzeit denn angehen möchte: molto vivace oder eher piano, pianissimo? Wer schneller läuft, hat mehr Chancen sich einen Fremdkörper einzutreten; wer langsamer unterwegs ist, hat Zeit und Geduld zu schauen und zu analysieren. Bis zu einem gewissen Grad entscheiden wir selbst, wie wir Probleme auf uns zukommen lassen. Prasseln sie auf uns ein, weil wir uns die Möglichkeit zur Distanz nehmen? Oder wollen wir gerade alles eher persönlich nehmen?

 

 

Manchmal hilft es einfach die Füße in den Sand zu stecken und so zu spüren, wonach der eigene Weg gerade verlangt. Dann tun die Steine oft gar nicht mehr so weh.

 

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Kommentare: 9
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