Anstand, verzweifelt gesucht!

 

 Angst. Panikmache. Wo wird mehr gestorben? Statistiken kippen wechselseitig Sturzbäche an Todesopfer-Zählungen aus. Ersticken durch Nahrung wird gegen Waffeneinsatz ins Rennen um den Grad der Bedrohlichkeit geworfen.

Das Karussell der Angst-Schürer dreht sich, ohne anzuhalten. Rauf und runter tanzen die Argumente spuckenden, federgeschmückten Karussellpferdchen der vermeintlich Wissenden und Fakten-Verifizierer. Doch vor welchen Werte-Karren, welche Ideologie-Droschke lassen Sie sich spannen?

 

Es wird gegen oder für etwas gelaufen, kaum sind echte Töne zu identifizieren in dem immer anstrengender werdenden, ineinander schwappenden Kling-Kling und Dingeldong, irgendjemand brüllt dazwischen einige Sätze, das Ohr müde machend.

 

Würzburg, München, Ansbach, die Angst ist nahe. Was ist schlimmer? Dass unser fester Glaube daran, dass der Drache der Verunsicherung über die Welt tobt und an uns unbemerkt vorbeizieht, erschüttert wurde? Oder die nicht wegzuleugnende Feststellung, dass wir uns keine angenehm klaren, exklusiven Feindbilder erlauben dürfen?

Unsicherheit, Kontrollverlust, Nicht-Wissen, das Paradies für Angst-Schürer.

 

Undefinierbare Ängste, eine wunderbare Projektionsfläche für alles, was im eigenen kleinen überschaubaren Weltbild in Schieflage ist, endlich kann der Druck nach außen abgegeben werden. Eine gemeinsame Angst als Ventil, ohne den Konsens eines echten Inhalts.

Was tun? Xenophobie als die neue Religion der Identitäts-Unsicheren? Täter-Entschuldigungs-Phrasen? Polit-Polemiker als Erlöser?

 

Nein danke. Sicher nicht.

Wir können versuchen zu verstehen, ohne gleich in die zähe Brühe des immer-Verständnis-für-alles-haben eintauchen zu müssen.

Wir können in uns schauen, warum uns dieses mehr betrifft als anderes. Denn gestorben wird überall auf der Welt. Freiwillig, gewaltsam oder schicksalhaft unfreiwillig. Grausam ist es immer. Für die, die jäh aus dem Leben gerissen werden und die, die zurückbleiben. Egal wie.

 

Und man sollte sich selbst fragen – wie würde ich wollen, dass andere mit meinem Sterben umgehen? Würde ich wollen, dass andere mein Gehen als Bühne für ihre Weltanschauung nutzen? Würde ich wollen, dass nach Wählerzahlen geifernde Parolenschleuderer auf meinem Grab wie Rumpelstilzchen springen, weil sie meinen Tod ganz nonchalant einfach zum Allgemeingut machen?

 

Ich würde dies nicht wollen. Ich würde wollen, dass Menschen meinem Leben, das war, mit Anstand begegnen, mit einer Haltung, die es mir ermöglicht hätte, ihnen auch im Leben gegenüber zu treten und die Hand zu reichen.

Würden wir uns weniger um ideologische Befindlichkeiten und den Alltagsnarzissmus der Selbstwertgeschädigten kümmern, sondern um eine „anständige“ innere Haltung, dann wären so viele Fragen nicht nötig.

 

Anstand, verzweifelt gesucht.

 

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