Der Fleiß darf bleiben

 

„Fleißig“ stand da plötzlich, inmitten der Bewerbungsleitfaden-konformen Aufzählungen des „Was kann ich – wer bin ich?“ im Lebenslauf. Ein echter Stopper. Überzeugende Social Skills und dann: Fleißig. Einfach so. Wie: „Gute deutsche Wertarbeit“.

 

Ein Vorgesetzter habe dies einmal in einer Bewertung geschrieben. Ah ja, irritierend trotz allem, eine Vita, die regelrecht vor Kompetenz und Qualifikation strotzte; das Ding sollte daher schlanker und übersichtlicher werden. 

 

Aber fleißig? Fleißig waren Oma und Opa, denen konnte man dabei zusehen, wie fleißig sie waren. Schaffe, schaffe – und als Belohnung gab es Häkeldeckchen am Kaffeetisch und samstägliches Rasenmähen. Wir hingegen sind prozessoptimiert und arbeitseffizient. Mit  Apps, die uns sagen, ob wir gut genug geschlafen haben und Super-Smoothies zur Leistungssteigerung. Wir sind mehr Hirn-Arbeiter als Hand-Arbeiter - wie bitte misst man denn, wie fleißig ein Gehirn arbeitet? Gut, böse Zungen behaupten, so Manchem könne man auch beim Denken zusehen und dass bei diesem Vorgang wohl auch gelegentlich ein gewisses Unbehagen zu beobachten sei. 

 

Das erinnert mich auch an einen Eintrag in ein Poesiealbum (so hießen früher die Schulfreunde-Büchlein), da schrieb eine Mitschülerin als Botschaft recht krakelig „sei brav und fleisig in diesem Jahr“. Genau - dasselbe dachte ich mir auch: Phantasielos und dann auch noch falsch geschrieben.  

 

Sind die Fleißigen die, die es nicht effizient oder kreativ genug hinkriegen? Oder ist es umgekehrt – schaffen es die Fleißigen, sich ihr Pensum so gut einzuteilen und kontinuierlich abzuarbeiten, dass ihnen Effizienzstrategien egal sein können? Das Herumtranscheln, anstatt konsequent weiterzumachen, wird bei vielen irgendwann zu einem ausgewachsenen Problem. Erst heißt es „Ohne ausreichen Druck bin ich nicht gut“. Dann kommt das sich Ärgern über die eigene Aufschieberitis, und auch wenn es dann Last Minute doch noch klappt, was bleibt, ist das schlechte Gewissen, dass man die verprasste Zeit viel besser hätte nutzen können. Also doch lieber brav und fleißig?

 

Fleißig als das Gegenteil von faul, so Goldmarie-Pechmarie-artig? Damit kann ich mich gar nicht anfreunden. Denn je mehr ich darüber grübelte, umso charmanter fand ich den Begriff. Er mag in vielen Ohren einen konservativen, faden Nachhall haben. Aber er steht auch in gewissem Maße für Berechenbarkeit, Verlässlichkeit, Einsatz. Wer will das nicht?

 

Die Art und Qualität der Prozessbegleitung wird in vielen Bereichen immer wichtiger, weil der Weg das Ergebnis klar beeinflusst. Da ist doch eine verbindliche Aussage wie diese herzlich willkommen. 

 

Wir haben viele Begriffe wie diesen, die in unseren Ohren einfach alt und angestaubt klingen, weitgehend aus unserer Alltagssprache gestrichen. Spannend, darüber nachzudenken und sich auszutauschen, mit welchem Inhalt wir solche Begriffe in dieser Zeit füllen können.  

 

Der Konsens für diesen Fall: Der Fleiß durfte bleiben. Ich mag ihn. Immer mehr.