Sei Dein eigener Held!

Das Gespräch nahm eine interessante Wendung. Der Coach immer als Anwalt des Leidgeprüften. Sucht nach Verständigung um Verständnis im Außen zu erreichen, wenn der Anpressdruck zu hoch wird und die Konsequenzen unübersehbar. Will Nachvollziehbarkeit schaffen. Und dann fliegt plötzlich das alles durchschneidende Wort „Tapferkeit“ durch den Raum. Wer kennt denn heute noch den Begriff „ Tapferkeit“, war die Frage. Wer traue sich denn heute noch, statt Verständnis für das gerade- nicht-fähig-sein vorauszusetzen, einfach zu erwarten, dass da doch noch mehr geht. 

Weniger Lamento, mehr tun. Ist es das, was Tapferkeit ausmacht? Seine aktuellen Befindlichkeiten einfach unter den Teppich zu kehren und weitermachen? 
Ein Aufschrei, nein, der Mensch will mit seinen Ängsten, Verhinderungsmechanismen und Wahrnehmungsmustern ernst genommen werden. Überall. Wirklich überall? 

Das Gegenteil würde bedeuten, sich anstatt an den eigenen Grenzen, nur noch an den hehren (überhöhten?) Ansprüchen anderer zu orientieren. Schwanken wir also zwischen den Polen: Fallenlassen ins „akzeptiert mein Verhalten, ich bin jetzt einfach so“ oder dem Leiden an der immer wieder weiter hochgeschraubten Schmerzgrenze des „auch das schaffst du noch“?

So richtig beglückend klingt keines der beiden Szenarien. Bedenkt man die Konsequenzen, bliebe die Wahl zwischen Kontrollverlust und Selbstaufgabe. Pest oder Cholera. 

Tapferkeit – denkt man da nicht an Helden, die sich ohne Furcht in die Gefahr stürzen, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Wohl, das Los der Anderen leichter, schöner, besser zu machen? Ein gutes Ziel, ließe sich der Mittelteil streichen. Denn die Selbst-Achtsamkeit ist ja grundsätzlich die Basis dafür, in besonderen Situationen über sich selbst hinauswachsen zu können. 

So lassen wir doch das romantisierte siegfriedsche Heldenbild dort stehen, wo es hingehört – im Bücherschrank und wenden uns dem Heldentum von heute zu. Denn es sind immer mehr die leisen, unauffälligen kleinen Handreichungen und Taten, die ohne Brimbamborium und Turniergeschrei als wahrlich heldenhaft bezeichnet werden können. Die Helden des Alltags – jeder für sich kein Siegfried, kein Odysseus oder Ironman. 

Heldentum geht nicht jeden Tag, es würde sonst zum narzisstischen Selbstzweck deklassiert und müffelte dann gleichzeitig auch etwas abgestanden nach anhaltender Hybris.

Suchen wir die heldenhaften alten Werte doch lieber im Alltag. Was bedeutet „edel im Gemüt“, „anständig“, „ gütig“ und unsere eben beschriebene „Tapferkeit“? 
Da darf ich die Poststrukturalisten zuhilfe nehmen, die dem Begriff an sich die Fähigkeit zuschreiben, eine Verbindung zwischen den sich verändernden Dingen herzustellen, in der Differenz des gestern-heute-morgen. Der Wandel unserer Welt darf sich in der Welt unserer Begriffe widerspiegeln, aus der Differenz zur gestrigen Annahme einer Bedeutung erwächst nun ein neuer Terminus. Gleicher Name, aber mit gegenwartsbezogenerem Inhalt. Wir dürfen unter diesem Aspekt unsere heldenfähigen Tugendbegriffe aus unserem individuellen Blickwinkel neu betrachten. Mit Inhalt und Kontext füllen – fern von Drachen-tötenden Befehlsempfängern, die, Monarchien stürzend und Jungfrauen rettend, mit gezogenem Schwert durchs Land ziehen.

Fühlen wir in uns hinein, wann der Tag reif ist, ein klein wenig heldenhaft zu sein und über uns hinaus zu wachsen. Güte walten lassen. Für jemanden in die Bresche springen. Tapfer dem eigenen Ego eine Auszeit in der Hängematte verordnen und jemand anderem den Vortritt überlassen. Das tun, was wir gestern noch nicht für möglich gehalten haben. 
Nicht für die Geschichtsbücher oder Schlagzeilen. Aber vielleicht für ein kleines Lächeln, ein unerwartetes Dankeschön und ein gutes Gefühl.

Sei Dein eigener Held.