Heute wird ein Chamäleon gestreichelt

„Wer ist sie denn nun wirklich“ – einmal anders reagiert und das Vertraute am Gegenüber bröckelt wie erodierender Sandstein. So sicher sind wir, genau zu wissen, wenn wir da vor uns haben. Gerne auch etikettiert: „die Freundliche“, „der Macher“, „der Träumer“, „die Logikerin“. Rummms – und schon wieder geht eine Schublade zu. Wir mögen Schubladen. Schubladen schaffen Ordnung. Ich mag sie auch.

 

An Kommoden, Schränken, Kästchen, Aufbewahrungsboxen. Für Dinge. Nicht für Menschen. Da haben Natur und Evolution im Zusammenspiel in einem Kraftakt über Millionen Jahre hinweg unnachahmlich hochkomplexe Strukturen geschaffen, die bewundernswert großartige Dinge tun können. Nun setzen wir dieses Gefüge bildlich in eine Schublade. Was für eine Verschwendung! Außer im Zirkus zur Darstellung extremer Biegsamkeit mag das wohl niemanden reizen, derartig bewegungseinschränkende Veränderungen seinem Körper anzutun. Bewegungsunfähigkeit als Ziel?!

 

Aber nicht doch. In Gedanken hingegen tun wir das dauernd. Fordern Empathie für unsere Regungen und stopfen unser Gegenüber in eine gemütliche Schublade – für uns gemütlich. Das macht Erwartungshaltungen einfacher, fordert kein Nachdenken darüber, auf welcher Kommunikationsebene wir uns gerade befinden, die Pauschalantworten liegen bereits auf der Zunge und - ohne große Anstrengung haben wir ein „richtig gutes“ Gespräch geführt.

Gut war es schon, wenn man die Schonhaltung fürs eigene Phlegma als gut bezeichnen will.

 

Gelegentlich klingt mir dann das Credo des „Think out oft he box“ im Ohr. Ich sage Nein dazu. Der Platz unter der Schädeldecke ist bereits kunstfertig ausgefüllt, da passt kein Schachterl mehr rein, sei es noch so klein. Nichtmal mal die Mini-fuzzi-Denkhilfsbox. Just forget the box. Nobody needs it. Außer Socken, Schüsserl, Teesachets usw. Wie identifizieren wir unsere Persönlichkeitsanteile aber ohne Schubladisierung?

 

Hier ist das How-to für alle zum Mitsingen von Meredith Brooks: „

 

I'm a bitch, I'm a lover I'm a child, I'm a mother I'm a sinner, I'm a saint I do not feel ashamed I'm your hell, I'm your dream I'm nothing in between, I'm a little bit of everything all rolled into one ... “

 

Bunt wie ein Chamäleon sind wir in unserem Kern. Was vorrangig nach außen dringt, ist unserer Entwicklung, unserer Erziehung, den Lebensbedingungen und wie wir damit umgehen geschuldet. Die Farben sind alle da. Jeder spürt seine zornigen und destruktiven Anteile genauso, wie die liebevollen, fürsorglichen und optimistischen. Irgendwo dazwischen lag mal eine - meist eher unbewusste - Entscheidung, so zu tun, als wäre es anders.

Wir sind die Guten, die Angenehmen, die Arbeitswütigen oder die Entscheidungsfreudigen. Werden wir dafür besonders gelobt oder loben wir uns selbst dafür, weil wir das nach Erinnerungs- und Erfahrungswerten zu unserem Ideal erhoben haben? Oder war es die einfachste Möglichkeit andere Anteile „wegzudrücken“, die wir nicht sehen mögen, oder die sich als unbequem erwiesen haben? Welche davon brauchen wir einfach nicht mehr, weil wir andere, bessere Mechanismen entwickelt haben?

 

Das Schöne am Vergleich mit dem Chamäleon ist, dass das bunte Tierchen nicht nur alle Facetten an Farben wiedergeben, sondern diese auch noch zu Mustern kombinieren kann. Denn genau das tun wir den ganzen Tag. Nutzen die Persönlichkeitsanteile variierend und in Kombination.

Bunt! Wir verlangen danach gesehen zu werden, als Ganzes. Erst einmal selber Hinschauen? Wäre hilfreich, sonst sieht das Gegenüber vielleicht tatsächlich etwas und das passt uns dann wieder nicht. Wollen wir das Hinschauen für uns beanspruchen, dann sollten wir es aber auch im selben Maße vorbehaltlos geben.

 

Allerdings wird es ganz schön anstrengend, wenn wir den ganzen Tag lang herumlaufen und jedem, dem wir begegnen, seine 25 Zwiebelschichten und X Persönlichkeitsanteile zugestehen und dabei auch noch aktives Zuhören umsetzen. Muss aber auch keiner. Schon gar nicht dauernd.

 

Wenn wir die Augen aufmachen, müssten wir ob der Wucht aller gleichzeitig auf uns einprasselnden optischen, akustischen, olfaktorischen und haptischen Reize eigentlich sofort in Ohnmacht fallen. Tun wir aber nicht. Selektion ist das Zauberwort. Nur dass hier unsere Hirnareale wie die perfekten Schleusenwärter zusammenarbeiten und durchlassen, was offensichtlich wichtig erscheint.

 

Gut geklaut ist besser als schlecht neu ausgedacht – darum kopieren wir doch einfach diesen Mechanismus. Wer gerade in seiner Mitte ist, hat auch die Gelassenheit, die vielen Ichs seines Gegenübers auf sich wirken zu lassen, sucht oft geradezu nach Eindrücken und Impulsen. Wer gerade mit seinen eigenen Persönlichkeitsanteilen ungebremst Achterbahn fährt, wird aber heillos überfordert sein.

Lassen wir die Schleusen arbeiten und entscheiden, ob die Sonneneinstrahlung unsere Hand veranlasst, nach der Sonnenbrille zu greifen oder ob wir das Funkeln gerade einfach nur schön finden. Das Zuviel an Information filtern wir raus – das ist für mich gerade nicht von Bedeutung. Aber morgen vielleicht.

 

Heute hingegen wird mein inneres Chamäleon gestreichelt - und ich bin schon neugierig, in welcher Farbe es sich morgen zeigen wird.

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