Stresschallenge: Wer macht mit?

 Der Klassiker: man trifft sich, fragt „wie geht es dir?“ und dann folgt eine Aufzählung aus der aktuellen To-Do-Liste, den Deadlines und eine bildhafte Beschreibung des aktuellen Terminkarussells. So viele Aufgaben, so viele Handlungsaufforderungen, so viel Stress.

Ja, wir haben viel zu tun, dauernd gibt es etwas zu erledigen und der Berg wächst kontinuierlich mit der Anhäufung neuer Aufgaben. Der Stresslevel zeigt an, wieviel wir bereit sind, täglich zu schultern, was bereits erreicht wurde und das ist ein Stück weit auch unser Erfolgsbarometer. Wer Stress hat, zeigt sich als produktiv, übernimmt Verantwortung und erfüllt seine Pflichten.

Wie wohltuend empfand ich da die Aussage einer Freundin: „Ich mache da nicht mehr mit. Wer mehr Stress hat und warum. Ich habe keinen Stress. Ich tue einfach was anliegt und fertig. Dieses Wettrennen, wer mehr Stress hat, nervt einfach“. Und das aus dem Mund einer Kollegin, die für Ihre Aufträge quer durch Europa fährt, daneben drei Pubertierenden eine liebevolle Mutter sowie ihrem Mann eine unterstützende Partnerin ist und ihren großen Familien- und Freundeskreis mit Herzblut pflegt. Wäre Stress gerade da nicht vorprogrammiert, quasi legitim?

Stress an sich ist ja nichts Schlimmes, die eugenische Variante von Stress kann zur Ausschüttung von Adrenalin und Glückshormonen führen, ein Kraftverstärker sozusagen.

 Deshalb lohnt sich ein Blick darauf, was wir aus dem Begriff „ Stress“ gemacht haben. Wer viel zu tun hat, hat Stress. Der hat auch viel Verantwortung. Ist bedeutend. Ist wichtig. Und verdient Beachtung und vor allem Anerkennung für das viele Leisten. Damit ist der Stresslevel ein Gradmesser für die Leistungsbereitschaft in einer Leistungsgesellschaft. Also doch ein Stresswettbewerb.

 

Die entscheidende Frage, die sich dabei aufdrängt ist: Was bringt es, dieses Leistungsdenken in Quantität zu messen, anstatt in Qualität? Warum erscheint es uns wichtiger, ganz viel zu tun und über das viele Tun zu reden, anstatt uns auf das gute Gelingen von Aufgaben zu konzentrieren und dies zu thematisieren?

 Ist es einfacher, eine lange Liste von „und das habe ich auch gemacht“ herunter zu beten, um damit Aufmerksamkeit und Belobigung für das viele Tun zu erhalten, anstatt inne zu halten und einfach zufrieden zu sein, ja vielleicht auch etwas stolz, wenn etwas gelingt – und sei es nur eine Alltagsaktivität?

Ich mag den Begriff der Anstrengung viel lieber. Anstrengung ist nämlich etwas ganz Natürliches, ohne Anstrengung würden wir schließlich aufhören zu atmen. Muskeln, Organe, der ganze Körper durchlaufen fortwährend Prozesse der Anstrengung, damit Blut durch den Organismus gepumpt wird, Verarbeitungsprozesse laufen und zu Ergebnissen führen und wir aufrecht stehen und gehen können.

Erlernen wir Neues, empfinden wir diese Anstrengung als groß. Die ersten Fahrstunden spüren wir als ganz schön tough, danach wird vieles davon zum Automatismus. Die Art der Anstrengung ist die gleiche, aber weil wir Übung haben und den Sinn und Nutzen darin sehen, empfinden wir die Anstrengung als gering. Kommen wir dann auch noch unversehrt und pünktlich an, haben wir erfolgreich abgeliefert. Nur denken wir in diesem Moment darüber schon gar nicht mehr nach. Und dafür gibt es auch selten Anerkennung, wir empfinden und bewerten dies –  wie so vieles andere auch – als normal.

Haben wir den Punkt erreicht, an dem wir die Phrase „es ist grade sehr stressig“ bemühen, lohnt es sich zu reflektieren, welche Aufgabe derzeit als besonders anstrengend empfunden wird. Ist es etwas Neues, Unbekanntes, bin ich mir nicht sicher, ob ich die Fähigkeit habe, dies zu bewältigen? Oder ist es die Erwartungshaltung, meine eigene oder die empfundene, von außen an mich herangetragene?

Welche Faktoren spielen dabei die gewichtigste Rolle und wie kann ich damit umgehen?

Vor allem sollte man sich immer wieder vor Augen führen, was zu dem gefühlten Stress führt. Habe ich selbst entschieden, den Berg am Schreibtisch bis Feierabend abzuarbeiten, weil ich die Diskussion mit Chef und Kollegen scheue? Mache ich das, weil ich glaube, so im Job besser voranzukommen? Trainiere ich so hart, weil ich mithalten möchte, oder weil es mir guttut? Und was bringt es mir, wenn ich diese weitere Aufgabe auch noch erledige?

Mit dem Stress ist es ein bisschen so wie mit dem Hanteltraining: wer plötzlich zum ungewohnt großen Gewicht greift, braucht sich nicht zu wundern, wenn der Bizeps zittert und schmerzt.

Die Crux an dem Hinschauen auf die eigene Anstrengung ist aber, dass die Stresschallenge dann nicht mehr funktioniert. Aber wir wünschen uns doch Anerkennung und Lob.

Die bekommen wir jedoch auch, wenn wir einfach sagen: Vor dieser Aufgabe habe ich Respekt, denn es bedeutet große Anstrengung. Wenn ich es geschafft habe, kann ich stolz auf mich sein.

Dann wird auch das Lob von außen konkret und tritt an die Stelle der diffusen „Ui, du hast aber Stress“ – Pseudoanerkennung.

Auch wenn es manchmal viel zu viel erscheint und es fast unmöglich ist, die Liste der Aufgaben zu reduzieren, wird es auch nicht weniger, wenn diese immer wieder wiederholt wird. Einfach tun und die Wertschätzung dort suchen, wo sie tatsächlich Gehalt hat. Und zwar bei Menschen, deren Urteil und Meinung uns wirklich wichtig ist. Und bei uns selbst.

 

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