2021 – ich wünsche mir ein neues Menschenbild

Neujahrswünsche? Aber sicher doch. Die haben aber in meinem Fall wenig mit Pfunden, Hanteln, Pulsfrequenzen und „in 30-Tagen- was auch immer“-Programmen zu tun.

 

Ich wünsche mir mehr Mut zum Hinschauen, Zuhören und dass wir lernen, es besser auszuhalten, wenn unser Umfeld uns wieder einmal ohne gnädig vernebelnden Filter den Spiegel vorhält.

 

Ich wünsche mir, dass wir Unerwartetem, Neuem, auch Befremdlichem mit mehr Neugierde als mit Angst begegnen. Ich wünsche mir, dass wir die Dinge mit mehr Freundlichkeit als vorauseilender Abwertung annehmen und einfach einmal stehen lassen können, anstatt hektisch nach der passenden Schublade zu suchen, welche uns die Aufgabe des „Ja, was machen wir jetzt damit?“ gnädig aus dem To-Do-Focus nehmen.

 

Es wird Zeit, dass wir endlich aus unseren Höhlen kriechen, diesen kuschelig rundum verbauten Trutzburgen aus Strategien, Methoden, Patentrezepten, Leitfäden und Optimierungsanleitungen. Es wird Zeit, dass wir, anstatt Achtsamkeit und Glückskompetenz im abgeschirmten stillen Kämmerlein zu üben, uns rausstellen und uns einfach den Wind der Realität um die Nase wehen lassen – sehen, hören, riechen, schmecken und spüren.

 

Es wird Zeit, dass wir uns umdrehen, mit aufrichtiger Kritik die Bilder betrachten, die wir uns als Individuen, Kulturen und Gesellschaften über eine so unfassbar lange Spanne zurechtgelegt haben. Ja, viele dieser Bilder waren sicher nötig, um den Grad an Komplexität verdaubarer zu machen, doch jetzt stehen wir an dem kritischen Punkt einer Zeitenwende, die schon längst begonnen hat.

 

Es geht nicht mehr darum die Komplexität zu reduzieren; es geht darum, Komplexität als unser fruchtbarstes Element für Wachstum, Kreativität und Entwicklung zu sehen und zu nutzen. Das spießt sich aber mit unseren altgewohnten linearen Denkstrukturen und führt nur dazu, dass wir noch mehr Druck anwenden, Form und Inhalt zusammenzupressen, die nicht zusammenpassen. So machen wir weiter, anstatt dies alten Knoten zu lösen.

 

Wir müssen begreifen, dass wir das, was im Außen passiert, nicht von unserem persönlichen Innenleben trennen können. Denken und Fühlen sind eins; wer versucht dies zu trennen, wird umso biestiger darauf zurückgeworfen.

 

Es wird Zeit, dass wir lernen, es anzunehmen, dass alles, was uns triggert – seien es Ablehnung, Abscheu, Unverständnis, Ängste und Aufregung – immer ein Verweis auf uns selbst als Individuum und als Gesellschaft ist.

 

Es wird Zeit, dass es zur Selbstverständlichkeit wird, kein Urteil, keine Bewertung der Außenbetrachtung abzugeben, ohne vorher die Innensicht zu befragen.

 

Es wird Zeit, dass wir entscheiden, den Dingen manchmal einfach ihren Lauf zu lassen, anstatt den Möglichkeiten mit festgelegten Endpunkten aus Erwartung und Wollen die Luft abzuschnüren.

 

Es wird Zeit, dass wir aus dem „Ich weiß, was es ist!“ einen offenen Raum für eine Entwicklung machen, die nicht sofort bei den ersten zaghaften Schritten von der Keule des „Wer braucht denn sowas?!?“ niedergeknüppelt wird.

 

Es wird Zeit, dass wir aufhören, uns an Zahlen und Fakten zu orientieren, wenn es um die Entwicklung von Menschen geht und stattdessen einfach akzeptieren, dass die vielen, vielen Facetten, die wir in uns selbst und in unserem Gegenüber erahnen und spüren, uns nun mal in Unsicherheit versetzen.

 

Ich wünsche mir, dass wir lernen, diese Unsicherheit als Pflasterstein des täglichen Lernens an uns selbst friedvoll anzunehmen, anstatt aus der Bewertung des „anders und ungewohnt“ sofort unreflektiert die recht bequeme Abwertung „schlecht, unnütz und bedrohlich“ ableiten.

 

Ich wünsche mir, dass wir aufhören, Strategien, Methoden und Analysen, Zahlen und Fakten, die wir aus dem Vergangenen zerren und für eine Zukunftsprognose heranziehen, als absolut setzen – über allem stehend wertig und gültig –, sondern sie stattdessen als die hilfreichen Werkzeuge betrachten, die wir selektiv benutzen dürfen, um Räume zu schaffen. Wir brauchen mehr offene Räume an Stelle von Endpunkten und Zielvorgaben, weniger wenn-dann-Formulierung und viel mehr „und“ anstelle des „aber“.

 

Es würde es uns guttun — es würde den Beziehungen zwischen uns guttun — wenn wir weniger erpicht darauf wären, immer schicke und neue, eindrucksvolle Begriffe zu streuen, die verhindern, dass Information und Kommunikation unter die Oberfläche, unter die Haut gehen können. Es würde uns guttun, stattdessen des Öfteren abzugleichen und nachzufragen, ob wir unter den inflationär verwendeten, standardisierten Platzhaltern in unserem Sprachfluss tatsächlich auch nur annähernd Ähnliches verstehen. Es würde uns guttun, wieder wertschätzender und überlegter mit unseren Worten umzugehen. Einmal ausgesprochen bleibt es da, wird Teil unserer ureigensten Vergangenheit.

 

Ich wünsche mir ein neues Menschenbild, in dessen Zentrum das Ich, das Du UND das Wir stehen. Wertig, respektiert, anerkannt und sich mit Freundlichkeit begegnend, anstatt sich dauernd gegenseitig auf die Füße zu steigen.

 

Ich wünsche mir aber vor allem, dass wir uns erlauben, zu werden und zu sein, was in uns steckt.