Die Wölfe des Wohlstands

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Instinktsteuerung, intellektuelle Rudelbildung und gnadenloses Besserwissertum. Das sind die Früchte (und zugleich die Motoren) der Angst, die gerade ganz wunderbar wie Pilze aus der feucht-dampfenden Wald-Erde schießen. Den Boden hierfür bereiten fortwährend jene Experten, die sich öffentlich dem Statistik-Bashing hingeben, als gäbe es einen Preis dafür.

 

Verschwörungstheorien wabern durch alle Kanäle, als wäre der Ausbruch von Covid-19 der Startschuss eines Wettbewerbs gewesen, wer die angsteinflößendste Theorie des „Wir sind alle doch nur willenlose Marionetten“ mit dem größten Nachdruck verbreiten kann. Im Idealfall noch verstärkt mit einem „Ich bin jetzt ja sowas von sauer!“-Video.

 

Was steckt dahinter? Unsicherheit, Angst, geringes Vertrauen. Am meisten aber Furcht vor der eigenen Handlungsunfähigkeit und dem damit einhergehenden Kontrollverlust. Unsicherheit und Angst scheinen vor allem aber immer eines zu brauchen: einen klar definierten Schuldigen. Egal ob Deep State, Geheimclans, Aliens, Reptilienmenschen, „die da oben“ – all diese Theorien, an die man glauben mag oder auch nicht, haben vor allem eine Funktion: sie nehmen den Druck etwas raus. Erklären, warum die eigene Ohnmacht so erdrückend ist, warum wir so völlig überfordert sind. Wenn es von außen kommt, kann die Ursache für die Ohnmacht und die Wut darüber nicht in uns liegen. Und vor allem können wir einen Schritt nach vorne machen, es holt uns aus der Karnickelstarre; es egalisiert gleichsam den Totstellreflex. Gibt es einen Schuldigen, dann können wir uns nämlich wehren – wir können unseren tiefsitzenden Ängsten in Form von Wut, Aggression und Abwehr einen Ausdruck geben.

 

Wir kennen in unserer heutigen, westlichen Gesellschaft keine echt existentiellen Bedrohungen mehr. Wir haben als Gesellschaft keine Erfahrung mehr damit, was zu tun ist, wenn uns Krisen dieses Ausmaßes heimsuchen. Aber instinktiv reagieren wir – das Notfallprogramm unseres Gehirns startet automatisch zum Selbstschutz. Wir beschützen, was uns Halt und Sicherheit gibt. Jene Werte, die wir als die tragenden Säulen unserer individuellen Freiheit definiert haben.

 

In dieser noch nie dagewesenen Wohlstandsgesellschaft sind viele Werte mit Besitz, Hab und Gut verknüpft. Damit verbunden ist ein hohes Anspruchsempfinden, nach dem Motto „Das steht uns zu!“.

 

Tut es das?

 

Die Stimmen werden immer lauter, dass es Zeit ist, uns unsere individuelle Freiheit zurückzugeben. Doch zu allem Überdruss besteht die individuelle Freiheit nicht nur aus der Reise- und Bewegungsfreiheit, um seinen persönlichen Gelüsten und Bedürfnissen nachzugehen. Dazu gehört noch mehr – denn die Freiheit, zu entscheiden und zu handeln, bedeutet auch immer, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für die Konsequenzen des Tuns und für die Folgen des Unterlassens. Wie groß das Ausmaß der Konsequenzen tatsächlich sein wird, wird uns erst die historische Rückschau erzählen, alles andere bleibt reine Spekulation.

 

Fühlt sich die Last der individuellen Verantwortung aber zu schwer an, brauche ich einen Schuldigen, der sie mir abnimmt.

 

Und hier teilt sich gerade die Gesellschaft. Die einen suchen kreative Wege, in ihrer Handlungsfähigkeit zu bleiben, gestalten, wollen sich beteiligen und richten ihren Focus darauf, was sie als Individuen ganz konkret in dieser gegenwärtigen Situation tun können. Sie treffen Entscheidungen, bewusst; manche ganz still und einige öffentlich sichtbar. Und das ohne jeden Anspruch auf Belohnung oder die Sicherheit, dass irgendetwas davon zum Erfolg führen wird.

 

Ist das naiv? Unüberlegt? Nein, das sind jene, die dieses gesellschaftliche Trauma wahrscheinlich besser überstehen werden; psychisch, vielleicht sogar auch wirtschaftlich. Sich seine Handlungsfähigkeit zu erhalten, ist ein Grundbaustein der individuellen und auch der gesellschaftlichen Resilienz.

 

Die anderen aber möchte ich „die Wölfe des Wohlstandes“ nennen. Das Heulen im Rudel gibt Halt und vermittelt: Du stehst nicht alleine da, wir sind uns ähnlich – und sei es nur in unserer Wut. Daher ist auch nur zu verständlich, dass jeder seinen Sicherheits-Anker sucht, wo es ihm erst einmal möglich ist. Es erfordert immer Mut, diesen sicheren Raum zu verlassen, um den nächsten Schritt zu tun.

 

Und daher mag ich an die Wölfe des Wohlstands appellieren, aggressionsfreie Meinungsbildung zuzulassen, statt zu hetzen, anzuschütten und vorzuverurteilen; bevor die nächste Welle des Gekläffs sich anbahnt. Es wird die Schatten und Ängsten nicht vertreiben, denn diese sind mit keinem Heilmittel, Serum oder Heilsbringer zu bezwingen. Schaut hin, auf eure eigenen Ängste, sie sind da und sie werden bleiben.

 

Angst ist nichts, was man wegdrücken muss, im Gegenteil. Angst ist unser Signalgeber, aufmerksam zu sein, auf sich zu achten und sinnstiftend etwas zu tun, was uns im Kleinen und Großen ein Stück nachhaltigerer Sicherheit wiedergibt.

 

Die Sicherheit nämlich, dass es weitergeht.

 Es gibt immer einen Weg.

 

 

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Stresschallenge: Wer macht mit?

 Der Klassiker: man trifft sich, fragt „wie geht es dir?“ und dann folgt eine Aufzählung aus der aktuellen To-Do-Liste, den Deadlines und eine bildhafte Beschreibung des aktuellen Terminkarussells. So viele Aufgaben, so viele Handlungsaufforderungen, so viel Stress.

Ja, wir haben viel zu tun, dauernd gibt es etwas zu erledigen und der Berg wächst kontinuierlich mit der Anhäufung neuer Aufgaben. Der Stresslevel zeigt an, wieviel wir bereit sind, täglich zu schultern, was bereits erreicht wurde und das ist ein Stück weit auch unser Erfolgsbarometer. Wer Stress hat, zeigt sich als produktiv, übernimmt Verantwortung und erfüllt seine Pflichten.

Wie wohltuend empfand ich da die Aussage einer Freundin: „Ich mache da nicht mehr mit. Wer mehr Stress hat und warum. Ich habe keinen Stress. Ich tue einfach was anliegt und fertig. Dieses Wettrennen, wer mehr Stress hat, nervt einfach“. Und das aus dem Mund einer Kollegin, die für Ihre Aufträge quer durch Europa fährt, daneben drei Pubertierenden eine liebevolle Mutter sowie ihrem Mann eine unterstützende Partnerin ist und ihren großen Familien- und Freundeskreis mit Herzblut pflegt. Wäre Stress gerade da nicht vorprogrammiert, quasi legitim?

Stress an sich ist ja nichts Schlimmes, die eugenische Variante von Stress kann zur Ausschüttung von Adrenalin und Glückshormonen führen, ein Kraftverstärker sozusagen.

 Deshalb lohnt sich ein Blick darauf, was wir aus dem Begriff „ Stress“ gemacht haben. Wer viel zu tun hat, hat Stress. Der hat auch viel Verantwortung. Ist bedeutend. Ist wichtig. Und verdient Beachtung und vor allem Anerkennung für das viele Leisten. Damit ist der Stresslevel ein Gradmesser für die Leistungsbereitschaft in einer Leistungsgesellschaft. Also doch ein Stresswettbewerb.

 

Die entscheidende Frage, die sich dabei aufdrängt ist: Was bringt es, dieses Leistungsdenken in Quantität zu messen, anstatt in Qualität? Warum erscheint es uns wichtiger, ganz viel zu tun und über das viele Tun zu reden, anstatt uns auf das gute Gelingen von Aufgaben zu konzentrieren und dies zu thematisieren?

 Ist es einfacher, eine lange Liste von „und das habe ich auch gemacht“ herunter zu beten, um damit Aufmerksamkeit und Belobigung für das viele Tun zu erhalten, anstatt inne zu halten und einfach zufrieden zu sein, ja vielleicht auch etwas stolz, wenn etwas gelingt – und sei es nur eine Alltagsaktivität?

Ich mag den Begriff der Anstrengung viel lieber. Anstrengung ist nämlich etwas ganz Natürliches, ohne Anstrengung würden wir schließlich aufhören zu atmen. Muskeln, Organe, der ganze Körper durchlaufen fortwährend Prozesse der Anstrengung, damit Blut durch den Organismus gepumpt wird, Verarbeitungsprozesse laufen und zu Ergebnissen führen und wir aufrecht stehen und gehen können.

Erlernen wir Neues, empfinden wir diese Anstrengung als groß. Die ersten Fahrstunden spüren wir als ganz schön tough, danach wird vieles davon zum Automatismus. Die Art der Anstrengung ist die gleiche, aber weil wir Übung haben und den Sinn und Nutzen darin sehen, empfinden wir die Anstrengung als gering. Kommen wir dann auch noch unversehrt und pünktlich an, haben wir erfolgreich abgeliefert. Nur denken wir in diesem Moment darüber schon gar nicht mehr nach. Und dafür gibt es auch selten Anerkennung, wir empfinden und bewerten dies –  wie so vieles andere auch – als normal.

Haben wir den Punkt erreicht, an dem wir die Phrase „es ist grade sehr stressig“ bemühen, lohnt es sich zu reflektieren, welche Aufgabe derzeit als besonders anstrengend empfunden wird. Ist es etwas Neues, Unbekanntes, bin ich mir nicht sicher, ob ich die Fähigkeit habe, dies zu bewältigen? Oder ist es die Erwartungshaltung, meine eigene oder die empfundene, von außen an mich herangetragene?

Welche Faktoren spielen dabei die gewichtigste Rolle und wie kann ich damit umgehen?

Vor allem sollte man sich immer wieder vor Augen führen, was zu dem gefühlten Stress führt. Habe ich selbst entschieden, den Berg am Schreibtisch bis Feierabend abzuarbeiten, weil ich die Diskussion mit Chef und Kollegen scheue? Mache ich das, weil ich glaube, so im Job besser voranzukommen? Trainiere ich so hart, weil ich mithalten möchte, oder weil es mir guttut? Und was bringt es mir, wenn ich diese weitere Aufgabe auch noch erledige?

Mit dem Stress ist es ein bisschen so wie mit dem Hanteltraining: wer plötzlich zum ungewohnt großen Gewicht greift, braucht sich nicht zu wundern, wenn der Bizeps zittert und schmerzt.

Die Crux an dem Hinschauen auf die eigene Anstrengung ist aber, dass die Stresschallenge dann nicht mehr funktioniert. Aber wir wünschen uns doch Anerkennung und Lob.

Die bekommen wir jedoch auch, wenn wir einfach sagen: Vor dieser Aufgabe habe ich Respekt, denn es bedeutet große Anstrengung. Wenn ich es geschafft habe, kann ich stolz auf mich sein.

Dann wird auch das Lob von außen konkret und tritt an die Stelle der diffusen „Ui, du hast aber Stress“ – Pseudoanerkennung.

Auch wenn es manchmal viel zu viel erscheint und es fast unmöglich ist, die Liste der Aufgaben zu reduzieren, wird es auch nicht weniger, wenn diese immer wieder wiederholt wird. Einfach tun und die Wertschätzung dort suchen, wo sie tatsächlich Gehalt hat. Und zwar bei Menschen, deren Urteil und Meinung uns wirklich wichtig ist. Und bei uns selbst.

 

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Heute wird ein Chamäleon gestreichelt

„Wer ist sie denn nun wirklich“ – einmal anders reagiert und das Vertraute am Gegenüber bröckelt wie erodierender Sandstein. So sicher sind wir, genau zu wissen, wenn wir da vor uns haben. Gerne auch etikettiert: „die Freundliche“, „der Macher“, „der Träumer“, „die Logikerin“. Rummms – und schon wieder geht eine Schublade zu. Wir mögen Schubladen. Schubladen schaffen Ordnung. Ich mag sie auch.

 

An Kommoden, Schränken, Kästchen, Aufbewahrungsboxen. Für Dinge. Nicht für Menschen. Da haben Natur und Evolution im Zusammenspiel in einem Kraftakt über Millionen Jahre hinweg unnachahmlich hochkomplexe Strukturen geschaffen, die bewundernswert großartige Dinge tun können. Nun setzen wir dieses Gefüge bildlich in eine Schublade. Was für eine Verschwendung! Außer im Zirkus zur Darstellung extremer Biegsamkeit mag das wohl niemanden reizen, derartig bewegungseinschränkende Veränderungen seinem Körper anzutun. Bewegungsunfähigkeit als Ziel?!

 

Aber nicht doch. In Gedanken hingegen tun wir das dauernd. Fordern Empathie für unsere Regungen und stopfen unser Gegenüber in eine gemütliche Schublade – für uns gemütlich. Das macht Erwartungshaltungen einfacher, fordert kein Nachdenken darüber, auf welcher Kommunikationsebene wir uns gerade befinden, die Pauschalantworten liegen bereits auf der Zunge und - ohne große Anstrengung haben wir ein „richtig gutes“ Gespräch geführt.

Gut war es schon, wenn man die Schonhaltung fürs eigene Phlegma als gut bezeichnen will.

 

Gelegentlich klingt mir dann das Credo des „Think out oft he box“ im Ohr. Ich sage Nein dazu. Der Platz unter der Schädeldecke ist bereits kunstfertig ausgefüllt, da passt kein Schachterl mehr rein, sei es noch so klein. Nichtmal mal die Mini-fuzzi-Denkhilfsbox. Just forget the box. Nobody needs it. Außer Socken, Schüsserl, Teesachets usw. Wie identifizieren wir unsere Persönlichkeitsanteile aber ohne Schubladisierung?

 

Hier ist das How-to für alle zum Mitsingen von Meredith Brooks: „

 

I'm a bitch, I'm a lover I'm a child, I'm a mother I'm a sinner, I'm a saint I do not feel ashamed I'm your hell, I'm your dream I'm nothing in between, I'm a little bit of everything all rolled into one ... “

 

Bunt wie ein Chamäleon sind wir in unserem Kern. Was vorrangig nach außen dringt, ist unserer Entwicklung, unserer Erziehung, den Lebensbedingungen und wie wir damit umgehen geschuldet. Die Farben sind alle da. Jeder spürt seine zornigen und destruktiven Anteile genauso, wie die liebevollen, fürsorglichen und optimistischen. Irgendwo dazwischen lag mal eine - meist eher unbewusste - Entscheidung, so zu tun, als wäre es anders.

Wir sind die Guten, die Angenehmen, die Arbeitswütigen oder die Entscheidungsfreudigen. Werden wir dafür besonders gelobt oder loben wir uns selbst dafür, weil wir das nach Erinnerungs- und Erfahrungswerten zu unserem Ideal erhoben haben? Oder war es die einfachste Möglichkeit andere Anteile „wegzudrücken“, die wir nicht sehen mögen, oder die sich als unbequem erwiesen haben? Welche davon brauchen wir einfach nicht mehr, weil wir andere, bessere Mechanismen entwickelt haben?

 

Das Schöne am Vergleich mit dem Chamäleon ist, dass das bunte Tierchen nicht nur alle Facetten an Farben wiedergeben, sondern diese auch noch zu Mustern kombinieren kann. Denn genau das tun wir den ganzen Tag. Nutzen die Persönlichkeitsanteile variierend und in Kombination.

Bunt! Wir verlangen danach gesehen zu werden, als Ganzes. Erst einmal selber Hinschauen? Wäre hilfreich, sonst sieht das Gegenüber vielleicht tatsächlich etwas und das passt uns dann wieder nicht. Wollen wir das Hinschauen für uns beanspruchen, dann sollten wir es aber auch im selben Maße vorbehaltlos geben.

 

Allerdings wird es ganz schön anstrengend, wenn wir den ganzen Tag lang herumlaufen und jedem, dem wir begegnen, seine 25 Zwiebelschichten und X Persönlichkeitsanteile zugestehen und dabei auch noch aktives Zuhören umsetzen. Muss aber auch keiner. Schon gar nicht dauernd.

 

Wenn wir die Augen aufmachen, müssten wir ob der Wucht aller gleichzeitig auf uns einprasselnden optischen, akustischen, olfaktorischen und haptischen Reize eigentlich sofort in Ohnmacht fallen. Tun wir aber nicht. Selektion ist das Zauberwort. Nur dass hier unsere Hirnareale wie die perfekten Schleusenwärter zusammenarbeiten und durchlassen, was offensichtlich wichtig erscheint.

 

Gut geklaut ist besser als schlecht neu ausgedacht – darum kopieren wir doch einfach diesen Mechanismus. Wer gerade in seiner Mitte ist, hat auch die Gelassenheit, die vielen Ichs seines Gegenübers auf sich wirken zu lassen, sucht oft geradezu nach Eindrücken und Impulsen. Wer gerade mit seinen eigenen Persönlichkeitsanteilen ungebremst Achterbahn fährt, wird aber heillos überfordert sein.

Lassen wir die Schleusen arbeiten und entscheiden, ob die Sonneneinstrahlung unsere Hand veranlasst, nach der Sonnenbrille zu greifen oder ob wir das Funkeln gerade einfach nur schön finden. Das Zuviel an Information filtern wir raus – das ist für mich gerade nicht von Bedeutung. Aber morgen vielleicht.

 

Heute hingegen wird mein inneres Chamäleon gestreichelt - und ich bin schon neugierig, in welcher Farbe es sich morgen zeigen wird.

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Sei Dein eigener Held!

Das Gespräch nahm eine interessante Wendung. Der Coach immer als Anwalt des Leidgeprüften. Sucht nach Verständigung um Verständnis im Außen zu erreichen, wenn der Anpressdruck zu hoch wird und die Konsequenzen unübersehbar. Will Nachvollziehbarkeit schaffen. Und dann fliegt plötzlich das alles durchschneidende Wort „Tapferkeit“ durch den Raum. Wer kennt denn heute noch den Begriff „ Tapferkeit“, war die Frage. Wer traue sich denn heute noch, statt Verständnis für das gerade- nicht-fähig-sein vorauszusetzen, einfach zu erwarten, dass da doch noch mehr geht. 

Weniger Lamento, mehr tun. Ist es das, was Tapferkeit ausmacht? Seine aktuellen Befindlichkeiten einfach unter den Teppich zu kehren und weitermachen? 
Ein Aufschrei, nein, der Mensch will mit seinen Ängsten, Verhinderungsmechanismen und Wahrnehmungsmustern ernst genommen werden. Überall. Wirklich überall? 

Das Gegenteil würde bedeuten, sich anstatt an den eigenen Grenzen, nur noch an den hehren (überhöhten?) Ansprüchen anderer zu orientieren. Schwanken wir also zwischen den Polen: Fallenlassen ins „akzeptiert mein Verhalten, ich bin jetzt einfach so“ oder dem Leiden an der immer wieder weiter hochgeschraubten Schmerzgrenze des „auch das schaffst du noch“?

So richtig beglückend klingt keines der beiden Szenarien. Bedenkt man die Konsequenzen, bliebe die Wahl zwischen Kontrollverlust und Selbstaufgabe. Pest oder Cholera. 

Tapferkeit – denkt man da nicht an Helden, die sich ohne Furcht in die Gefahr stürzen, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Wohl, das Los der Anderen leichter, schöner, besser zu machen? Ein gutes Ziel, ließe sich der Mittelteil streichen. Denn die Selbst-Achtsamkeit ist ja grundsätzlich die Basis dafür, in besonderen Situationen über sich selbst hinauswachsen zu können. 

So lassen wir doch das romantisierte siegfriedsche Heldenbild dort stehen, wo es hingehört – im Bücherschrank und wenden uns dem Heldentum von heute zu. Denn es sind immer mehr die leisen, unauffälligen kleinen Handreichungen und Taten, die ohne Brimbamborium und Turniergeschrei als wahrlich heldenhaft bezeichnet werden können. Die Helden des Alltags – jeder für sich kein Siegfried, kein Odysseus oder Ironman. 

Heldentum geht nicht jeden Tag, es würde sonst zum narzisstischen Selbstzweck deklassiert und müffelte dann gleichzeitig auch etwas abgestanden nach anhaltender Hybris.

Suchen wir die heldenhaften alten Werte doch lieber im Alltag. Was bedeutet „edel im Gemüt“, „anständig“, „ gütig“ und unsere eben beschriebene „Tapferkeit“? 
Da darf ich die Poststrukturalisten zuhilfe nehmen, die dem Begriff an sich die Fähigkeit zuschreiben, eine Verbindung zwischen den sich verändernden Dingen herzustellen, in der Differenz des gestern-heute-morgen. Der Wandel unserer Welt darf sich in der Welt unserer Begriffe widerspiegeln, aus der Differenz zur gestrigen Annahme einer Bedeutung erwächst nun ein neuer Terminus. Gleicher Name, aber mit gegenwartsbezogenerem Inhalt. Wir dürfen unter diesem Aspekt unsere heldenfähigen Tugendbegriffe aus unserem individuellen Blickwinkel neu betrachten. Mit Inhalt und Kontext füllen – fern von Drachen-tötenden Befehlsempfängern, die, Monarchien stürzend und Jungfrauen rettend, mit gezogenem Schwert durchs Land ziehen.

Fühlen wir in uns hinein, wann der Tag reif ist, ein klein wenig heldenhaft zu sein und über uns hinaus zu wachsen. Güte walten lassen. Für jemanden in die Bresche springen. Tapfer dem eigenen Ego eine Auszeit in der Hängematte verordnen und jemand anderem den Vortritt überlassen. Das tun, was wir gestern noch nicht für möglich gehalten haben. 
Nicht für die Geschichtsbücher oder Schlagzeilen. Aber vielleicht für ein kleines Lächeln, ein unerwartetes Dankeschön und ein gutes Gefühl.

Sei Dein eigener Held.



Der Fleiß darf bleiben

 

„Fleißig“ stand da plötzlich, inmitten der Bewerbungsleitfaden-konformen Aufzählungen des „Was kann ich – wer bin ich?“ im Lebenslauf. Ein echter Stopper. Überzeugende Social Skills und dann: Fleißig. Einfach so. Wie: „Gute deutsche Wertarbeit“.

 

Ein Vorgesetzter habe dies einmal in einer Bewertung geschrieben. Ah ja, irritierend trotz allem, eine Vita, die regelrecht vor Kompetenz und Qualifikation strotzte; das Ding sollte daher schlanker und übersichtlicher werden. 

 

Aber fleißig? Fleißig waren Oma und Opa, denen konnte man dabei zusehen, wie fleißig sie waren. Schaffe, schaffe – und als Belohnung gab es Häkeldeckchen am Kaffeetisch und samstägliches Rasenmähen. Wir hingegen sind prozessoptimiert und arbeitseffizient. Mit  Apps, die uns sagen, ob wir gut genug geschlafen haben und Super-Smoothies zur Leistungssteigerung. Wir sind mehr Hirn-Arbeiter als Hand-Arbeiter - wie bitte misst man denn, wie fleißig ein Gehirn arbeitet? Gut, böse Zungen behaupten, so Manchem könne man auch beim Denken zusehen und dass bei diesem Vorgang wohl auch gelegentlich ein gewisses Unbehagen zu beobachten sei. 

 

Das erinnert mich auch an einen Eintrag in ein Poesiealbum (so hießen früher die Schulfreunde-Büchlein), da schrieb eine Mitschülerin als Botschaft recht krakelig „sei brav und fleisig in diesem Jahr“. Genau - dasselbe dachte ich mir auch: Phantasielos und dann auch noch falsch geschrieben.  

 

Sind die Fleißigen die, die es nicht effizient oder kreativ genug hinkriegen? Oder ist es umgekehrt – schaffen es die Fleißigen, sich ihr Pensum so gut einzuteilen und kontinuierlich abzuarbeiten, dass ihnen Effizienzstrategien egal sein können? Das Herumtranscheln, anstatt konsequent weiterzumachen, wird bei vielen irgendwann zu einem ausgewachsenen Problem. Erst heißt es „Ohne ausreichen Druck bin ich nicht gut“. Dann kommt das sich Ärgern über die eigene Aufschieberitis, und auch wenn es dann Last Minute doch noch klappt, was bleibt, ist das schlechte Gewissen, dass man die verprasste Zeit viel besser hätte nutzen können. Also doch lieber brav und fleißig?

 

Fleißig als das Gegenteil von faul, so Goldmarie-Pechmarie-artig? Damit kann ich mich gar nicht anfreunden. Denn je mehr ich darüber grübelte, umso charmanter fand ich den Begriff. Er mag in vielen Ohren einen konservativen, faden Nachhall haben. Aber er steht auch in gewissem Maße für Berechenbarkeit, Verlässlichkeit, Einsatz. Wer will das nicht?

 

Die Art und Qualität der Prozessbegleitung wird in vielen Bereichen immer wichtiger, weil der Weg das Ergebnis klar beeinflusst. Da ist doch eine verbindliche Aussage wie diese herzlich willkommen. 

 

Wir haben viele Begriffe wie diesen, die in unseren Ohren einfach alt und angestaubt klingen, weitgehend aus unserer Alltagssprache gestrichen. Spannend, darüber nachzudenken und sich auszutauschen, mit welchem Inhalt wir solche Begriffe in dieser Zeit füllen können.  

 

Der Konsens für diesen Fall: Der Fleiß durfte bleiben. Ich mag ihn. Immer mehr.

 

Anstand, verzweifelt gesucht!

 

 Angst. Panikmache. Wo wird mehr gestorben? Statistiken kippen wechselseitig Sturzbäche an Todesopfer-Zählungen aus. Ersticken durch Nahrung wird gegen Waffeneinsatz ins Rennen um den Grad der Bedrohlichkeit geworfen.

Das Karussell der Angst-Schürer dreht sich, ohne anzuhalten. Rauf und runter tanzen die Argumente spuckenden, federgeschmückten Karussellpferdchen der vermeintlich Wissenden und Fakten-Verifizierer. Doch vor welchen Werte-Karren, welche Ideologie-Droschke lassen Sie sich spannen?

 

Es wird gegen oder für etwas gelaufen, kaum sind echte Töne zu identifizieren in dem immer anstrengender werdenden, ineinander schwappenden Kling-Kling und Dingeldong, irgendjemand brüllt dazwischen einige Sätze, das Ohr müde machend.

 

Würzburg, München, Ansbach, die Angst ist nahe. Was ist schlimmer? Dass unser fester Glaube daran, dass der Drache der Verunsicherung über die Welt tobt und an uns unbemerkt vorbeizieht, erschüttert wurde? Oder die nicht wegzuleugnende Feststellung, dass wir uns keine angenehm klaren, exklusiven Feindbilder erlauben dürfen?

Unsicherheit, Kontrollverlust, Nicht-Wissen, das Paradies für Angst-Schürer.

 

Undefinierbare Ängste, eine wunderbare Projektionsfläche für alles, was im eigenen kleinen überschaubaren Weltbild in Schieflage ist, endlich kann der Druck nach außen abgegeben werden. Eine gemeinsame Angst als Ventil, ohne den Konsens eines echten Inhalts.

Was tun? Xenophobie als die neue Religion der Identitäts-Unsicheren? Täter-Entschuldigungs-Phrasen? Polit-Polemiker als Erlöser?

 

Nein danke. Sicher nicht.

Wir können versuchen zu verstehen, ohne gleich in die zähe Brühe des immer-Verständnis-für-alles-haben eintauchen zu müssen.

Wir können in uns schauen, warum uns dieses mehr betrifft als anderes. Denn gestorben wird überall auf der Welt. Freiwillig, gewaltsam oder schicksalhaft unfreiwillig. Grausam ist es immer. Für die, die jäh aus dem Leben gerissen werden und die, die zurückbleiben. Egal wie.

 

Und man sollte sich selbst fragen – wie würde ich wollen, dass andere mit meinem Sterben umgehen? Würde ich wollen, dass andere mein Gehen als Bühne für ihre Weltanschauung nutzen? Würde ich wollen, dass nach Wählerzahlen geifernde Parolenschleuderer auf meinem Grab wie Rumpelstilzchen springen, weil sie meinen Tod ganz nonchalant einfach zum Allgemeingut machen?

 

Ich würde dies nicht wollen. Ich würde wollen, dass Menschen meinem Leben, das war, mit Anstand begegnen, mit einer Haltung, die es mir ermöglicht hätte, ihnen auch im Leben gegenüber zu treten und die Hand zu reichen.

Würden wir uns weniger um ideologische Befindlichkeiten und den Alltagsnarzissmus der Selbstwertgeschädigten kümmern, sondern um eine „anständige“ innere Haltung, dann wären so viele Fragen nicht nötig.

 

Anstand, verzweifelt gesucht.

 

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