Heute wird ein Chamäleon gestreichelt

„Wer ist sie denn nun wirklich“ – einmal anders reagiert und das Vertraute am Gegenüber bröckelt wie erodierender Sandstein. So sicher sind wir, genau zu wissen, wenn wir da vor uns haben. Gerne auch etikettiert: „die Freundliche“, „der Macher“, „der Träumer“, „die Logikerin“. Rummms – und schon wieder geht eine Schublade zu. Wir mögen Schubladen. Schubladen schaffen Ordnung. Ich mag sie auch.

 

An Kommoden, Schränken, Kästchen, Aufbewahrungsboxen. Für Dinge. Nicht für Menschen. Da haben Natur und Evolution im Zusammenspiel in einem Kraftakt über Millionen Jahre hinweg unnachahmlich hochkomplexe Strukturen geschaffen, die bewundernswert großartige Dinge tun können. Nun setzen wir dieses Gefüge bildlich in eine Schublade. Was für eine Verschwendung! Außer im Zirkus zur Darstellung extremer Biegsamkeit mag das wohl niemanden reizen, derartig bewegungseinschränkende Veränderungen seinem Körper anzutun. Bewegungsunfähigkeit als Ziel?!

 

Aber nicht doch. In Gedanken hingegen tun wir das dauernd. Fordern Empathie für unsere Regungen und stopfen unser Gegenüber in eine gemütliche Schublade – für uns gemütlich. Das macht Erwartungshaltungen einfacher, fordert kein Nachdenken darüber, auf welcher Kommunikationsebene wir uns gerade befinden, die Pauschalantworten liegen bereits auf der Zunge und - ohne große Anstrengung haben wir ein „richtig gutes“ Gespräch geführt.

Gut war es schon, wenn man die Schonhaltung fürs eigene Phlegma als gut bezeichnen will.

 

Gelegentlich klingt mir dann das Credo des „Think out oft he box“ im Ohr. Ich sage Nein dazu. Der Platz unter der Schädeldecke ist bereits kunstfertig ausgefüllt, da passt kein Schachterl mehr rein, sei es noch so klein. Nichtmal mal die Mini-fuzzi-Denkhilfsbox. Just forget the box. Nobody needs it. Außer Socken, Schüsserl, Teesachets usw. Wie identifizieren wir unsere Persönlichkeitsanteile aber ohne Schubladisierung?

 

Hier ist das How-to für alle zum Mitsingen von Meredith Brooks: „

 

I'm a bitch, I'm a lover I'm a child, I'm a mother I'm a sinner, I'm a saint I do not feel ashamed I'm your hell, I'm your dream I'm nothing in between, I'm a little bit of everything all rolled into one ... “

 

Bunt wie ein Chamäleon sind wir in unserem Kern. Was vorrangig nach außen dringt, ist unserer Entwicklung, unserer Erziehung, den Lebensbedingungen und wie wir damit umgehen geschuldet. Die Farben sind alle da. Jeder spürt seine zornigen und destruktiven Anteile genauso, wie die liebevollen, fürsorglichen und optimistischen. Irgendwo dazwischen lag mal eine - meist eher unbewusste - Entscheidung, so zu tun, als wäre es anders.

Wir sind die Guten, die Angenehmen, die Arbeitswütigen oder die Entscheidungsfreudigen. Werden wir dafür besonders gelobt oder loben wir uns selbst dafür, weil wir das nach Erinnerungs- und Erfahrungswerten zu unserem Ideal erhoben haben? Oder war es die einfachste Möglichkeit andere Anteile „wegzudrücken“, die wir nicht sehen mögen, oder die sich als unbequem erwiesen haben? Welche davon brauchen wir einfach nicht mehr, weil wir andere, bessere Mechanismen entwickelt haben?

 

Das Schöne am Vergleich mit dem Chamäleon ist, dass das bunte Tierchen nicht nur alle Facetten an Farben wiedergeben, sondern diese auch noch zu Mustern kombinieren kann. Denn genau das tun wir den ganzen Tag. Nutzen die Persönlichkeitsanteile variierend und in Kombination.

Bunt! Wir verlangen danach gesehen zu werden, als Ganzes. Erst einmal selber Hinschauen? Wäre hilfreich, sonst sieht das Gegenüber vielleicht tatsächlich etwas und das passt uns dann wieder nicht. Wollen wir das Hinschauen für uns beanspruchen, dann sollten wir es aber auch im selben Maße vorbehaltlos geben.

 

Allerdings wird es ganz schön anstrengend, wenn wir den ganzen Tag lang herumlaufen und jedem, dem wir begegnen, seine 25 Zwiebelschichten und X Persönlichkeitsanteile zugestehen und dabei auch noch aktives Zuhören umsetzen. Muss aber auch keiner. Schon gar nicht dauernd.

 

Wenn wir die Augen aufmachen, müssten wir ob der Wucht aller gleichzeitig auf uns einprasselnden optischen, akustischen, olfaktorischen und haptischen Reize eigentlich sofort in Ohnmacht fallen. Tun wir aber nicht. Selektion ist das Zauberwort. Nur dass hier unsere Hirnareale wie die perfekten Schleusenwärter zusammenarbeiten und durchlassen, was offensichtlich wichtig erscheint.

 

Gut geklaut ist besser als schlecht neu ausgedacht – darum kopieren wir doch einfach diesen Mechanismus. Wer gerade in seiner Mitte ist, hat auch die Gelassenheit, die vielen Ichs seines Gegenübers auf sich wirken zu lassen, sucht oft geradezu nach Eindrücken und Impulsen. Wer gerade mit seinen eigenen Persönlichkeitsanteilen ungebremst Achterbahn fährt, wird aber heillos überfordert sein.

Lassen wir die Schleusen arbeiten und entscheiden, ob die Sonneneinstrahlung unsere Hand veranlasst, nach der Sonnenbrille zu greifen oder ob wir das Funkeln gerade einfach nur schön finden. Das Zuviel an Information filtern wir raus – das ist für mich gerade nicht von Bedeutung. Aber morgen vielleicht.

 

Heute hingegen wird mein inneres Chamäleon gestreichelt - und ich bin schon neugierig, in welcher Farbe es sich morgen zeigen wird.

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Sei Dein eigener Held!

Das Gespräch nahm eine interessante Wendung. Der Coach immer als Anwalt des Leidgeprüften. Sucht nach Verständigung um Verständnis im Außen zu erreichen, wenn der Anpressdruck zu hoch wird und die Konsequenzen unübersehbar. Will Nachvollziehbarkeit schaffen. Und dann fliegt plötzlich das alles durchschneidende Wort „Tapferkeit“ durch den Raum. Wer kennt denn heute noch den Begriff „ Tapferkeit“, war die Frage. Wer traue sich denn heute noch, statt Verständnis für das gerade- nicht-fähig-sein vorauszusetzen, einfach zu erwarten, dass da doch noch mehr geht. 

Weniger Lamento, mehr tun. Ist es das, was Tapferkeit ausmacht? Seine aktuellen Befindlichkeiten einfach unter den Teppich zu kehren und weitermachen? 
Ein Aufschrei, nein, der Mensch will mit seinen Ängsten, Verhinderungsmechanismen und Wahrnehmungsmustern ernst genommen werden. Überall. Wirklich überall? 

Das Gegenteil würde bedeuten, sich anstatt an den eigenen Grenzen, nur noch an den hehren (überhöhten?) Ansprüchen anderer zu orientieren. Schwanken wir also zwischen den Polen: Fallenlassen ins „akzeptiert mein Verhalten, ich bin jetzt einfach so“ oder dem Leiden an der immer wieder weiter hochgeschraubten Schmerzgrenze des „auch das schaffst du noch“?

So richtig beglückend klingt keines der beiden Szenarien. Bedenkt man die Konsequenzen, bliebe die Wahl zwischen Kontrollverlust und Selbstaufgabe. Pest oder Cholera. 

Tapferkeit – denkt man da nicht an Helden, die sich ohne Furcht in die Gefahr stürzen, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Wohl, das Los der Anderen leichter, schöner, besser zu machen? Ein gutes Ziel, ließe sich der Mittelteil streichen. Denn die Selbst-Achtsamkeit ist ja grundsätzlich die Basis dafür, in besonderen Situationen über sich selbst hinauswachsen zu können. 

So lassen wir doch das romantisierte siegfriedsche Heldenbild dort stehen, wo es hingehört – im Bücherschrank und wenden uns dem Heldentum von heute zu. Denn es sind immer mehr die leisen, unauffälligen kleinen Handreichungen und Taten, die ohne Brimbamborium und Turniergeschrei als wahrlich heldenhaft bezeichnet werden können. Die Helden des Alltags – jeder für sich kein Siegfried, kein Odysseus oder Ironman. 

Heldentum geht nicht jeden Tag, es würde sonst zum narzisstischen Selbstzweck deklassiert und müffelte dann gleichzeitig auch etwas abgestanden nach anhaltender Hybris.

Suchen wir die heldenhaften alten Werte doch lieber im Alltag. Was bedeutet „edel im Gemüt“, „anständig“, „ gütig“ und unsere eben beschriebene „Tapferkeit“? 
Da darf ich die Poststrukturalisten zuhilfe nehmen, die dem Begriff an sich die Fähigkeit zuschreiben, eine Verbindung zwischen den sich verändernden Dingen herzustellen, in der Differenz des gestern-heute-morgen. Der Wandel unserer Welt darf sich in der Welt unserer Begriffe widerspiegeln, aus der Differenz zur gestrigen Annahme einer Bedeutung erwächst nun ein neuer Terminus. Gleicher Name, aber mit gegenwartsbezogenerem Inhalt. Wir dürfen unter diesem Aspekt unsere heldenfähigen Tugendbegriffe aus unserem individuellen Blickwinkel neu betrachten. Mit Inhalt und Kontext füllen – fern von Drachen-tötenden Befehlsempfängern, die, Monarchien stürzend und Jungfrauen rettend, mit gezogenem Schwert durchs Land ziehen.

Fühlen wir in uns hinein, wann der Tag reif ist, ein klein wenig heldenhaft zu sein und über uns hinaus zu wachsen. Güte walten lassen. Für jemanden in die Bresche springen. Tapfer dem eigenen Ego eine Auszeit in der Hängematte verordnen und jemand anderem den Vortritt überlassen. Das tun, was wir gestern noch nicht für möglich gehalten haben. 
Nicht für die Geschichtsbücher oder Schlagzeilen. Aber vielleicht für ein kleines Lächeln, ein unerwartetes Dankeschön und ein gutes Gefühl.

Sei Dein eigener Held.



Der Fleiß darf bleiben

 

„Fleißig“ stand da plötzlich, inmitten der Bewerbungsleitfaden-konformen Aufzählungen des „Was kann ich – wer bin ich?“ im Lebenslauf. Ein echter Stopper. Überzeugende Social Skills und dann: Fleißig. Einfach so. Wie: „Gute deutsche Wertarbeit“.

 

Ein Vorgesetzter habe dies einmal in einer Bewertung geschrieben. Ah ja, irritierend trotz allem, eine Vita, die regelrecht vor Kompetenz und Qualifikation strotzte; das Ding sollte daher schlanker und übersichtlicher werden. 

 

Aber fleißig? Fleißig waren Oma und Opa, denen konnte man dabei zusehen, wie fleißig sie waren. Schaffe, schaffe – und als Belohnung gab es Häkeldeckchen am Kaffeetisch und samstägliches Rasenmähen. Wir hingegen sind prozessoptimiert und arbeitseffizient. Mit  Apps, die uns sagen, ob wir gut genug geschlafen haben und Super-Smoothies zur Leistungssteigerung. Wir sind mehr Hirn-Arbeiter als Hand-Arbeiter - wie bitte misst man denn, wie fleißig ein Gehirn arbeitet? Gut, böse Zungen behaupten, so Manchem könne man auch beim Denken zusehen und dass bei diesem Vorgang wohl auch gelegentlich ein gewisses Unbehagen zu beobachten sei. 

 

Das erinnert mich auch an einen Eintrag in ein Poesiealbum (so hießen früher die Schulfreunde-Büchlein), da schrieb eine Mitschülerin als Botschaft recht krakelig „sei brav und fleisig in diesem Jahr“. Genau - dasselbe dachte ich mir auch: Phantasielos und dann auch noch falsch geschrieben.  

 

Sind die Fleißigen die, die es nicht effizient oder kreativ genug hinkriegen? Oder ist es umgekehrt – schaffen es die Fleißigen, sich ihr Pensum so gut einzuteilen und kontinuierlich abzuarbeiten, dass ihnen Effizienzstrategien egal sein können? Das Herumtranscheln, anstatt konsequent weiterzumachen, wird bei vielen irgendwann zu einem ausgewachsenen Problem. Erst heißt es „Ohne ausreichen Druck bin ich nicht gut“. Dann kommt das sich Ärgern über die eigene Aufschieberitis, und auch wenn es dann Last Minute doch noch klappt, was bleibt, ist das schlechte Gewissen, dass man die verprasste Zeit viel besser hätte nutzen können. Also doch lieber brav und fleißig?

 

Fleißig als das Gegenteil von faul, so Goldmarie-Pechmarie-artig? Damit kann ich mich gar nicht anfreunden. Denn je mehr ich darüber grübelte, umso charmanter fand ich den Begriff. Er mag in vielen Ohren einen konservativen, faden Nachhall haben. Aber er steht auch in gewissem Maße für Berechenbarkeit, Verlässlichkeit, Einsatz. Wer will das nicht?

 

Die Art und Qualität der Prozessbegleitung wird in vielen Bereichen immer wichtiger, weil der Weg das Ergebnis klar beeinflusst. Da ist doch eine verbindliche Aussage wie diese herzlich willkommen. 

 

Wir haben viele Begriffe wie diesen, die in unseren Ohren einfach alt und angestaubt klingen, weitgehend aus unserer Alltagssprache gestrichen. Spannend, darüber nachzudenken und sich auszutauschen, mit welchem Inhalt wir solche Begriffe in dieser Zeit füllen können.  

 

Der Konsens für diesen Fall: Der Fleiß durfte bleiben. Ich mag ihn. Immer mehr.

 

Anstand, verzweifelt gesucht!

 

 Angst. Panikmache. Wo wird mehr gestorben? Statistiken kippen wechselseitig Sturzbäche an Todesopfer-Zählungen aus. Ersticken durch Nahrung wird gegen Waffeneinsatz ins Rennen um den Grad der Bedrohlichkeit geworfen.

Das Karussell der Angst-Schürer dreht sich, ohne anzuhalten. Rauf und runter tanzen die Argumente spuckenden, federgeschmückten Karussellpferdchen der vermeintlich Wissenden und Fakten-Verifizierer. Doch vor welchen Werte-Karren, welche Ideologie-Droschke lassen Sie sich spannen?

 

Es wird gegen oder für etwas gelaufen, kaum sind echte Töne zu identifizieren in dem immer anstrengender werdenden, ineinander schwappenden Kling-Kling und Dingeldong, irgendjemand brüllt dazwischen einige Sätze, das Ohr müde machend.

 

Würzburg, München, Ansbach, die Angst ist nahe. Was ist schlimmer? Dass unser fester Glaube daran, dass der Drache der Verunsicherung über die Welt tobt und an uns unbemerkt vorbeizieht, erschüttert wurde? Oder die nicht wegzuleugnende Feststellung, dass wir uns keine angenehm klaren, exklusiven Feindbilder erlauben dürfen?

Unsicherheit, Kontrollverlust, Nicht-Wissen, das Paradies für Angst-Schürer.

 

Undefinierbare Ängste, eine wunderbare Projektionsfläche für alles, was im eigenen kleinen überschaubaren Weltbild in Schieflage ist, endlich kann der Druck nach außen abgegeben werden. Eine gemeinsame Angst als Ventil, ohne den Konsens eines echten Inhalts.

Was tun? Xenophobie als die neue Religion der Identitäts-Unsicheren? Täter-Entschuldigungs-Phrasen? Polit-Polemiker als Erlöser?

 

Nein danke. Sicher nicht.

Wir können versuchen zu verstehen, ohne gleich in die zähe Brühe des immer-Verständnis-für-alles-haben eintauchen zu müssen.

Wir können in uns schauen, warum uns dieses mehr betrifft als anderes. Denn gestorben wird überall auf der Welt. Freiwillig, gewaltsam oder schicksalhaft unfreiwillig. Grausam ist es immer. Für die, die jäh aus dem Leben gerissen werden und die, die zurückbleiben. Egal wie.

 

Und man sollte sich selbst fragen – wie würde ich wollen, dass andere mit meinem Sterben umgehen? Würde ich wollen, dass andere mein Gehen als Bühne für ihre Weltanschauung nutzen? Würde ich wollen, dass nach Wählerzahlen geifernde Parolenschleuderer auf meinem Grab wie Rumpelstilzchen springen, weil sie meinen Tod ganz nonchalant einfach zum Allgemeingut machen?

 

Ich würde dies nicht wollen. Ich würde wollen, dass Menschen meinem Leben, das war, mit Anstand begegnen, mit einer Haltung, die es mir ermöglicht hätte, ihnen auch im Leben gegenüber zu treten und die Hand zu reichen.

Würden wir uns weniger um ideologische Befindlichkeiten und den Alltagsnarzissmus der Selbstwertgeschädigten kümmern, sondern um eine „anständige“ innere Haltung, dann wären so viele Fragen nicht nötig.

 

Anstand, verzweifelt gesucht.

 

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Der spitze Stein

 

 

 

Der Blick aus dem Fenster macht gerade wenig Freude. Die Wolkendecke hält dicht und bemüht sich redlich, jede denkbare Schattierung von Grau wiederzugeben. Der Motivationslevel ist auf Kellerniveau, das zufriedene „endlich – Sommer!“-Lächeln wich wieder der unverhohlenen „Brrr-kalt!“-Grimasse. Herzerwärmend die Fotos, die auf diversen Kanälen eintrudeln und sagen – hier ist es schön und warm, die Sonne scheint, die Seele darf baumeln.

 

 

Und plötzlich erinnern wir uns an dieses Gefühl, als wir letzten Sommer zum ersten Mal das Bedürfnis hatten, die Schuhe abzustreifen und unsere Füße in den Sand zu stecken. Die Fußsohlen erinnern sich an die vielen kleinen Sandkörnchen, die sich zusammendrängten, um unserem Schritt Raum zu geben. Es ist dieses ganz andere Gehen, dieses bewusste die-Zehen-in-den-Sand bohren, das uns so unmittelbar die Erinnerung an die ersehnte Auszeit für Körper und Geist abrufen lässt.

 

 

Und wie so oft kommt es, fast vorhersehbar: der Moment des kurzen Zusammenzuckens, wenn sich ein spitzer Stein oder eine Muschelschale markant in den Fuß bohrt. Manchmal bleiben wir sogar stehen, betrachten den Verursacher, entfernen vielleicht die an der Sohle zermalmten Reste des Übeltäters – und gehen weiter. Die Erinnerung an die kurze, schmerzhafte Begegnung mit diesem Stein schmälert aber keineswegs die angenehmen Gefühle, die wir mit diesem Ausflug im Sand verbinden.

 

 

Der Weg durch den Alltag ist nicht immer weich und entspannt wie im Sandbett, die Momente des Durchschnaufens sind manchmal so begrenzt, dass wir sie doppelt genießen. Wer kennt nicht den sehnlichen Wunsch – „wenn es endlich etwas ruhiger wird“. Gemeinerweise macht es in solchen Momenten meist Plopp! - und die nächste Baustelle taucht auf. Diese Baustellen sind wie unsere Steine im Sand, sie sind da, wenn wir sie früh genug sehen, können wir meist gut ausweichen.

 

 

Allerdings tun wir im Alltag oft nicht das, was für unsere nicht-bewusst-kopfgesteuerten Füße ganz normal ist: drumherum laufen, darübersteigen, springen, ausgleichen, einfach das tun, was Füße in der Bewegung machen – und sich damit automatisch vor Verletzungen schützen.

 

 

Das Kopfkino läuft da in einer anderen Spur: Endlich bewegen sich die Dinge einmal in ruhigeren Bahnen, endlich ist die Zeit gekommen, sich einmal etwas zurückzulehnen und sich darüber zu freuen, dass etwas ohne große Anstrengung funktioniert. Und – Zack – da kommt jemand (meist ist es kein etwas) ins Blickfeld, der den Frieden stört. Die nächste Baustelle aufreißt, sinnlos Aufmerksamkeit und Energie abzieht.

Und wir nehmen die Herausforderung natürlich an, gehen sofort ins Doing und bewerten den Stressfaktor, den das Störelement auslöst gleichermaßen inbrünstig, wie den für uns erforderlichen Energieaufwand damit fertig zu werden. Und natürlich nehmen wir es persönlich, das geht doch nicht, das kann doch nur Absicht sein, jetzt, wo es endlich …

 

 

Uff, durchatmen. Vogelperspektive hilft. Wir sind keine Einsiedler in der Isolation, sondern Gruppenwesen. Und auch wenn wir Menschen uns in vielerlei Hinsicht in unseren Wünschen und Bedürfnissen ähneln, so ist es doch auch wie mit den Sandkörnern: würden wir Sandkörnern analytische Fähigkeiten zugestehen (ich weiß, sehr spekulativ), könnte das eine Sandkorn ganz links keine gesicherte Aussage über die Existenz und das Wesen des Sandkorns ganz rechts machen und umgekehrt, es sei denn, die beiden würden aufeinandertreffen.

 

So ist es bei uns auch.

Egal, wie wohl oder wie unwohl wir uns gerade fühlen, es kann immer jemand daherkommen, der keine Ahnung von unserer Existenz oder gerade weder Zugang noch Empfindung zu unserem Wohl- oder Unwohlsein hat. Stattdessen aber die Fähigkeit, uns mit seinem ausgerechnet-jetzt-Befinden und -Tun ganz furchtbar in den Weg zu grätschen. Autsch.

 

Und wir sehen es kommen! Ja was denn? Das lustige Spiel mit den Self Fulfilling Prophecies? Herbei-theatern von noch mehr Unwohlsein? Oder doch ein echtes Problem?

 

Aus der Entfernung sieht das ganz skurril aus: Da fürchtet sich jemand vor einem Effekt, den er noch gar nicht kennt und schickt ein „j‘ accuse!“ der persönlichen Betroffenheit in Richtung des Verursachers, obwohl der die andere Person noch gar nicht auf dem Plan hat, weil sie in seinem Plan und seiner Wahrnehmung gar (noch) nicht vorkommt?

 

 

Lernen wir doch von unseren Füßen. Sich mit Problemen zu beschäftigen, die in der Entfernung dräuen, verpulvert nur sinnlos Energie und hindert am Vorankommen. Das kopflastige was-wäre-wenn-Spielchen im Vorfeld führt nämlich vor allem zu einem Effekt: treffen wir endgültig auf den „Problem“-Verursacher, überschütten wir ihn und uns mit Lösungspotential (von dem wir nur annehmen können, dass es tatsächlich irgendetwas mit der Problematik zu tun hat) und vielleicht auch ein paar „warum tust du mir das an, das habe ich nicht verdient“- Vorwürfen und kommen gar nicht mehr dazu, zu fragen. Fragen – was denn tatsächlich los ist, ob das Problem wirklich ein Problem sein muss, warum der sein Problem nicht woanders abladen kann, oder vielleicht später usw.

 

 

Manchmal bringt kopflastiges Vorangehen einen nicht wirklich merkbar weiter. Vorbereitet sein ist gut. Einen Plan B in der Westentasche zu wissen auch, keine Frage. Aber sich vorab schon einen Kopf zu machen, was passiert, ohne zu wissen worum es geht, nur weil es sich nach einem bereits erlebten – unangenehmen – Schema anfühlt? Nicht doch, es gibt so wenig Zeit für die schönen Dinge im Alltag, da muss man sich das bisschen Zeit nicht auch noch vermiesen.

 

 

Und es beginnt bei den ganz kleinen Dingen: Die Telefonnummer am Display, die uns daran erinnert, dass es eine lebendige Form des Lästigitismus gibt – einfach mal trotzdem rangehen und sich vielleicht darüber freuen, dass jemand unerwartet etwas Nettes sagt. Wenn jemand einen Fehler macht, nicht gleichzeitig die Keule ziehen und die Opferlamm-Mine aufsetzen, sondern nachfragen. Vielleicht erfährt man dann, dass der Verursacher gerade selbst so viel Unangenehmes an der Backe hat, dass er gar keine Chance mehr hat, viel richtig zu machen. Oder es entsteht ein Zueinander. Und Kommunikation und Austausch und Gemeinsamkeit und … ja, das soll auch Spaß machen.

 

 

Das Schlimmste was passieren kann, ist der „ich habe es doch gewusst“- Effekt, weil es dann doch so kommt, wie vermutet. Der ist zwar nice to have für die streichelbedürftige innere Selbstwert-Miezekatze, aber in der Realität bringt das auch keinen Schritt weiter.

 

 

Was also tun? Das Leben ist kein langer ruhiger Fluss, das gibt es nur in folkloristisch angehauchten Filmen. Außerdem würden wir uns irgendwann unendlich langweilen und hätten null Möglichkeit an Aufgaben und Herausforderungen zu wachsen.

 

 

 Darum hilft es, für sich eine Entscheidung zu treffen, wie man es derzeit denn angehen möchte: molto vivace oder eher piano, pianissimo? Wer schneller läuft, hat mehr Chancen sich einen Fremdkörper einzutreten; wer langsamer unterwegs ist, hat Zeit und Geduld zu schauen und zu analysieren. Bis zu einem gewissen Grad entscheiden wir selbst, wie wir Probleme auf uns zukommen lassen. Prasseln sie auf uns ein, weil wir uns die Möglichkeit zur Distanz nehmen? Oder wollen wir gerade alles eher persönlich nehmen?

 

 

Manchmal hilft es einfach die Füße in den Sand zu stecken und so zu spüren, wonach der eigene Weg gerade verlangt. Dann tun die Steine oft gar nicht mehr so weh.

 

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Jetzt aber los ...

So. Jetzt aber los. So viele Jahre habe ich für andere geschrieben. Anderen das Bleistift führende Händchen gehalten. Dann kam die Blockade. Jetzt wollen die Buchstaben wieder tanzen und ich will Gedanken, die nicht das Format für Fachartikel haben und nicht zwischen zwei Buchdeckel passen wollen loswerden.

 

Ich will erzählen von dem, was das Leben und die Menschen, die mir in meinen Coachings und auch in meinem Alltag an Lernaufgaben, Fragen und Verwunderung entgegenbringen, bei mir so anstößt. Gedanken schweifen, bunt, sausen durch die Ebenen der Wahrnehmung.

 

Und weil ich hier keine dogmatischen  Lebensweisheiten in allgemeingültiger "10 Schritte zum Erfolg"  und "ich weiß es, weil ich es so gelernt habe"- Manier veröffentlichen werde heißt mein Blog auch nur ganz simpel:

"sissi says ..."